Neid

Saturday, May 2nd, 2009 | economics, life, politics

Menschen vergleichen sich gerne mit anderen. Das absolute Niveau des eigenen Besitzes taugt nicht lang zum Glück, wenn der Nachbar noch einen Ferrari mehr vorm Haus zu stehen hat. Deswegen sind relativ zu uns weniger vermögende Gesellschaften glücklicher, so lange die Verteilung des vorhandenen Vermögens unter allen Mitgliedern der Gesellschaft ausgewogener ist. Es scheint für das kollektive Wohlergehen besser zu sein, wenn keiner ein Ferrari hat, als wenn 50% aller einen haben.

Was sagt dass über uns als Menschen aus? Nur, dass wir neidisch sind, was keine Überraschung ist. Wie Tiere gönnen wir dem anderen nicht, was wir selbst nicht haben. Abweichler sind ungern gesehen. Das hat(te) durchaus einen Sinn für das Individuum des Pleistozön – die eigenen Überlebens- und Fortpflanzungschancen werden geschmälert, sobald jemand anderes eine bessere Ausstattung besitzt. Sei es Intelligenz, Schönheit oder Reichtum.

Obwohl Neid seine evolutionsbiologische Relevanz mittlerweile verloren haben könnte, muss die Mehrheit der homo sapiens sapiens doch immernoch als neidisch gelten, obwohl es, im Zuge einer natürlichen Variation, Menschen gibt, die tendenziell weniger neidisch sind als die Mehrheit ihrer Artgenossen. Ob sich der ”durchschnittliche Neid-Faktor” der Menschheit verschiebt, wäre eine interessante Frage – jedoch würde es wahrscheinlich eine Änderung über lange Zeiträume sein. Anreize einzelner Gesellschaften, Neid im Zaum zu halten, hat kurzfristig gesehen wahrscheinlich auch größeren Einfluss auf die beobachteten Unterschiede im ”Neid-Niveau” von Gesellschaften.

Neid kann zweierlei Effekt auf das (materielle) Wohlergehen einer Gesellschaft haben.

Nein kann Gesellschaften zersetzen, wenn eine Mehrheit ihren Neid auf die einfachst mögliche Weise beseitigt, indem sie ihm nachgibt. Dadurch wird die beneidete Minderheit so lange schikaniert, bis sie sich nolens volens anpasst – an das niedrigere Niveau derer, von denen sie beneidet werden.

Neid kann Gesellschaften aber auch zu Wohlstand verhelfen. Wenn entweder nur eine Minderheit neidisch ist, was wohl nur in sehr kleinen, nicht-repräsentativen Gesellschaften (Firmen, Wissenschaftlichen Societies, vielleich auch noch bevölkerungsarme Länder) möglich ist, oder wenn die Mehrheit der Neider den schwierigen Weg wählt, ihren Neid zu beseitigen – in dem sie sich dahingehend betätigen, den Unterschied zwischen sich und den Beneideten zu verringern. Dieses Verringern besteht durch Anstrengungen, den Beneideten näher zu kommen.

Jedoch ist es tendenziell ein ungleiches Rennen. Von einem gesamtgesellschaftlichen Standpunkt gesehen, ist das Aufschwingen wohlstandmaximierend. Neid als Anreiz zur Imitation zu interpretieren, steigert absolut gesehen den Wohlstand aller. Nun aber ist Neid tatsächlich dadurch nicht unbedingt verringert – auch wenn sich der absolute Wohlstand aller erhöht, werden die Neider nur den gleichbleibenden oder wachsenden Unterschied zwischen sich und den Beneideten wahrnehmen, was ihren Neid weiter antreiben könnte. Kann dieser Neid nun wieder so kanalisiert werden, dass es produktive Tätigkeiten unterstützt, wird diese ”positive Neid-Spirale” wachsenden Wohlstand begründen – obwohl vielleicht dieser wachsende Wohlstand von einigen Menschen (irrational) nicht als solcher wahrgenommen werden kann. Andersrum kann, bei fehlender Transformation des Neides in Anreiz, sich aufzuschwingen, der wachsende Neid irgendwann nicht mehr kontrolliert werden und übernimmt die Interpretationshoheit im Geist der Neider, die sich dann darauf verlegen werden, lieber wegzunehmen als aufzuschwingen.

Das würde die Situation etablieren, dass eine Mehrheit dieser Individuen ihren Geiz nicht (mehr) dadurch ausschalten möchten oder können, dass sie sich aufschwingen zum Objekt ihres Neids, also die Entfernung selber füllen, sondern lieber den anderen niederziehen möchten auf ihr eigenes Niveau. Eigenes Dazuerlangen wird durch fremdes Wegnehmen ersetzt, also ein Angleichen nach unten anstatt nach oben vorgenommen. 

Aus historischer Perspektive ist es ironischerweise so, dass sich bei Schönheit, die nicht durch Tätigkeit signifikant verbessert werden kann, sich aber Angleichen nach oben statt nach unten durchgesetzt hat. Schönen Frauen wird nicht das Gesicht zerkratzt, sondern ihre weniger schönen Kollegen quälen sich durch Diäten und schwimmen durch Swimmingpools voll Schminke, um sich ihren Vorbildern anzunähern. Das Ideal ist das der Schönheit.

Auf der anderen Seite steht Reichtum und Vermögen. Durch christliche Tradition und deren Sklavenmoral ist Reichtum verpönt – Johannes Calvin stand und steht allein auf weiter europäischer Flur. Neid auf Wohlstand scheint stärker zu sein als der auf Schönheit oder Intelligenz. Schönheit oder Intelligenz können schlecht weggenommen oder hinzugewonnen werden – jeder ist mit einer gewissen Ausstattung dieser Eigenschaften geboren und das Bewusstsein der fundamentalen Unveränderlichkeit dieser Ausstattung begünstigt  wohl die Akzeptanz derselben. Reichtum, jedoch, kann erfochten werden. Der besondere Neid auf Reichtum basiert nicht nur auf dem eigentlichen Unterschied zwischen Neider und Beneidetem – sondern auch und vor allem auf der tollen Wut des Neiders, unfähig gewesen zu sein diesen Unterschied bis jetzt zu verringern oder gar auf der Seite des Beneideten zu sein. Solange jeder seines Glückes Schmied ist, müssen sich viele damit abfinden, schlechte Schmiede zu sein und selber Schuld daran zu haben. Keiner ist seiner Dummheit schuldig – aber viele ihres Neids.

Oder? Hat nicht Balzac gesagt dass hinter jedem Reichtum ein Verbrechen steht? Balzac war sicherlich kein Marxist. Das Zitat im Original ist ”Le secret des grandes fortunes sans cause apparente est un crime oublié, parce qu’il a été proprement fait’’. Sans cause apparent  ist der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen: Reichtum ohne erkennbaren Grund. Doch wenn man sich den Lebenslauf von erfolgreichen Menschen anschaut und die Offenheit hat, um es ihn zu sehen, dann wird meistens doch mindestens ein Grund offensichtlich. Ist Reichtum nicht etwa eine Funktion der Intelligenz und des Fleißes? Nun kann ein überdurchschnittlich Begabter schneller und besser beobachten, erfassen, Kausalzusammenhänge durchdringen und Lösungen entwerfen. Im Kontext des wirtschaftlichen Handelns entsteht für ihn also ein Vorteil. Und solch Begabung ist selten – haben also einige Wenige große Vorteile gegenüber vielen Mehreren. Nun ist vielleicht doch das Bewusstsein um die eigene fundamentale und unüberwindbare Unterlegenheit nicht so leicht, wie oben dargestellt – nur ist diesmal die Beseitigung einfacher. Wenn die Angleichung von Schönheit schwierig und immanent mit körperlichen Übergriffen verbunden und die Angleichung von Intelligenz unmöglich ist, so ist die Angleichung von Reichtum doch relativ gesehen unproblematischer durch eins der wunderbaren Instrumente der Zivilisation: Steuern.

Direkte Steuern können, wenn mit dem Ziel eingesetzt, den Vermögensabstand zwischen Individuen verringern. Die Neider haben einen hervorragenden moralischen Schutzschild, da die weggenommenen Gelder ja ”dem Staate” und somit der Allgemeinheit zugute kommen würden. Die Philosophie, wie so ein Staat auszusehen habe und was er zu tun hätte, unterscheidet sich signifikant zwischen verschiedenen politischen Strömungen. Der Grund der Unterschiede mag komplex zusammengesetzt sein – Neid alleine ist sicherlich nicht die grundlegende Erklärung (andere menschliche Gefühle und deren Manifestation werden eine ebenso große Rolle spielen) – aber ein Unterschied mag sein, wie die Menschen in den verschiedenen Parteien mit ihrem Neid umgehen. Einige mögen ihn als Antriebsfeder nutzen – andere haben sich ihm hemmungslos hingegeben. Das Ziel, Vermögen anzugleichen, wenn schon alles andere nicht angeglichen werden kann, steht jedoch vermutlich desto deutlicher im Hintergrund, desto höher die Steuern sind, desto weniger sie im Zusammenhang mit der Qualität und Quantität der gelieferten Leistungen des Staates selber stehen und desto mehr vom Staat verlangt wird, ”harmonisierend” einzugreifen.

Das dabei vorgebrachte Argument, Vermögensgleichheit bringe Frieden und gutes Einvernehmen in einer Gesellschaft gilt also nur, wenn die Neider die Wahl zum einfachsten Umgang mit ihrem Neid getroffen haben. Unter der Wahl des Aufschwingens brächte eine solche Vermögensgleichgeit nur ein Ende des Anreizes, aktiv zu werden. Stagnation und Abwesenheit aller Fortschritt wäre die Folge.

Haben sich die Neider hingegen aufs Wegnehmen festgelegt, dann ist die Ergebnisgleichheit im Drang nach Vermögen das Endziel. Wenn alle auf ein Niveau herabgezogen wurden, kann sich die Mehrheit zurücklehnen und im Gleichschritt vor sich hin leben. Die Minderheit, die nach einem Mehr strebt, müsste irgendwie unter Kontrolle gebracht werden – aber unter vielen Gleichen fällt ein Abweichler schnell auf.

Nur, wollen Neider nicht vielleicht doch lieber Beneidete sein? Das wäre nicht unüberraschend – strebt doch jeder first and foremost nach Überlebensvorteilen. Aber wenn so ein Vorteil für viele nicht erreichbar ist, ist’s immer besser wenn keiner einen Vorteil hat als wenn wenige Andere ihn haben.

Im nächsten Blogeintrag wird es dann um die SPD gehen.

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